Tomaš
Ein Jahr bevor ich offiziell als Austauschstudent aus Kroatien nach Graz kam, stand ich an einem ruhigen Samstag mit einem Freund vor dem Hauptgebäude der Universität und machte ein Foto. Ich studierte damals noch an der Universität Osijek, und die Uni Graz wirkte auf mich fast unwirklich: elegant, ruhig, voller Möglichkeiten. Ich erinnere mich noch genau, dass ich dachte: Eines Tages. Dass dieser Tag so bald kommen würde, wusste ich damals noch nicht.
2010 kam ich für ein Erasmus-Semester nach Graz. Geblieben bin ich ein ganzes Studienjahr.
Zu meinen ersten Erinnerungen gehört der Besuch im International Office. Drei Mitarbeiterinnen empfingen mich mit einer solchen Herzlichkeit, dass meine Nervosität sofort verschwand. Bis dahin war das Auslandsstudium noch etwas Abstraktes gewesen. Dort wurde es plötzlich konkret. Ich hatte sofort das Gefühl, dass internationale Studierende hier nicht nur organisatorisch aufgenommen, sondern wirklich willkommen geheißen werden.
Dann kam die Wohngemeinschaft in der Keplerstraße 77. Für jemanden, der zuhause bei den Eltern wohnte und täglich mit dem Bus zur Universität pendelte, war das mein erstes echtes Studentenleben. Das Haus war alt, voller Charakter, und im Keller, direkt neben den Waschmaschinen, gab es einen Partyraum. Irgendwann im Semester organisierten wir dort eine Party, verkauften Bier, Studierende aus anderen Wohnheimen kamen vorbei, und am Ende des Abends wurden die steilen Treppen zurück nach oben zu einer kleinen sportlichen Herausforderung.
Am stärksten geblieben sind mir aber die kleinen akademischen Momente, die mich mehr geprägt haben, als ich damals ahnte.
Einmal hatte ich vergessen, einen Artikel zu kopieren, den ich in einem Seminar präsentieren sollte. Es war Freitag, die Bibliothek war geschlossen, Samstag kam, und ich geriet in Panik. Ich schrieb Professor Eckhard eine fast verzweifelte E-Mail. Ihre Antwort war ruhig, freundlich und praktisch: Finden Sie ihn in JSTOR. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass Uni Graz Zugang zu solchen wissenschaftlichen Datenbanken bietet. Ich fand den Artikel, bereitete meinen Vortrag vor und lernte dabei etwas viel Wichtigeres: Panik hilft selten, Planung fast immer.
Ein anderes Mal konnte eine Professorin nicht rechtzeitig zum Seminar kommen und bat uns, die Einheit selbst zu moderieren, bis sie eintraf. Ich kam aus Kroatien und war überzeugt, dass alle einfach gehen würden. Stattdessen blieb die Gruppe, organisierte sich selbst, diskutierte ernsthaft weiter und führte das Seminar auf Englisch fort, ganz selbstverständlich auch wegen mir als Erasmus-Student. Ich weiß noch genau, dass ich damals dachte: Genau diese Haltung macht einen Unterschied. In diesem Moment verstand ich nicht nur, was für ein Student ich sein wollte, sondern später auch, was für ein Lehrender ich einmal werden möchte.
Ich studierte so gern, dass ich deutlich mehr Lehrveranstaltungen in Amerikanistik belegte, als mein Erasmus-Abkommen vorsah. Uni Graz erkannte alle Leistungen an, weshalb mein Diplom bis heute siebzehn zusätzliche ECTS-Punkte trägt. Ich durfte sogar einen Creative-Writing-Kurs am Institut für Anglistik und Amerikanistik besuchen. Allein die Vorstellung, kreatives Schreiben an einer Universität studieren zu können, war für mich damals fast unglaublich. Eines meiner Gedichte wurde sogar in einer studentischen Zeitschrift veröffentlicht, deren Namen ich heute leider nicht mehr weiß.
Damals scherzte ich oft, meine Asche solle eines Tages in der Amerikanistik-Bibliothek verstreut werden.
Auch das Leben außerhalb der Seminare gehört zu meinen schönsten Erinnerungen. Geld war meistens knapp, deshalb bedeutete Pizza bei Posaune oder Zeppelin oft Abendessen. Danach gingen wir zu Fuß durch Graz nach Hause, manchmal durchnässt vom Regen, manchmal mit etwas zu viel Bier im Kopf, aber immer mit Geschichten im Gepäck. Viele dieser Erasmus-Freundschaften aus Kolumbien, Frankreich, den USA und anderen Ländern blieben bestehen. Einige dieser Menschen besuchte ich später in Europa und anderswo wieder. Falls jemand von damals das liest: Ich hoffe, ihr lächelt. Haare habe ich inzwischen einige verloren, die Erinnerungen nicht.
Heute unterrichte ich selbst an einer Universität in Zagreb. Wenn ich darüber nachdenke, was meine Haltung gegenüber Studierenden, Kolleginnen und Kollegen geprägt hat, lande ich immer wieder in Graz. Uni Graz hat mir nicht nur gezeigt, wie man studiert, sondern auch, wie man akademisches Leben mit Neugier, Ruhe und Großzügigkeit lebt.
Und während ich das schreibe, steht neben mir noch immer ein Puntigamer-Bierkrug von einer Brauereibesichtigung, die damals vom ESN organisiert wurde.
Manche Gegenstände bleiben, weil sie zu Beweisen werden.
Für mich sagt dieser Krug bis heute dasselbe wie damals vor dem Hauptgebäude: Manche Orte verändern ein Leben ganz leise.