Ausgangspunkt der Diskussion war die Frage, wie es Norwegen gelingt, bei den Olympischen Spielen nahezu drei Mal so viele Medaillen zu gewinnen wie Österreich – obwohl das Land nur rund halb so viele Einwohner:innen hat. Unter dem Titel der Veranstaltung wurde beleuchtet, ob der Schlüssel eher im „Train for victory“ oder im „Train for mastery“ liegt – also in einer reinen Erfolgsorientierung oder in einem konsequenten Fokus auf langfristige Entwicklung und Exzellenz.
Der Austausch lebte von den unterschiedlichen Perspektiven eines besetzten Panels aus Praxis und Wissenschaft:
- Trond Nystad – vielfach als der „Pep Guardiola des Langlaufs“ bezeichnet – war Headcoach des Cross-Country-Teams der University of Denver, Cheftrainer der norwegischen Langlauf-Nationalmannschaft sowie Trainer der US-, deutschen und Schweizer Nationalteams. Außerdem war er Sportdirektor für Langlauf im Österreichischen Skiverband. Heute lebt er in Ramsau am Dachstein und coacht mit seiner Firma MYRA Athlet:innen und Verbände weltweit.
- Alexander Stöckl ist einer der erfolgreichsten Cheftrainer des norwegischen Skisprung-Nationalteams und wurde 2016 in Norwegen als „Trainer des Jahres“ ausgezeichnet. Zuvor war er Trainer im österreichischen Skisprungteam, später Cheftrainer der norwegischen Nationalmannschaft und Sportdirektor für Skispringen im polnischen Skiverband. Er lebt in Oslo und arbeitet mit seinem Unternehmen Life Performance Coaching als Personal- und Leadership-Coach.
- Othmar Moser ist Professor für Trainingsphysiologie & Trainingstherapie an der Universität Graz (Institut für Bewegungswissenschaft, Sport und Gesundheit). Er leitet die Forschungsgruppe Trainingsphysiologie, Training und Trainingstherapie sowie das Trainings- und Diagnostikzentrum (TDZ) in diesem Bereich. Zusätzlich ist er an der Medizinischen Universität Graz in der Ambulanz für Diabetes-, Lipid- und Stoffwechselerkrankungen tätig, mit Schwerpunkt auf Bewegung, Sport und Stoffwechsel. In dieser Rolle begleitet er auch Profisportler:innen, etwa Mitglieder von Team Novo Nordisk und Weltrekordhalterinnen im Ironman-Triathlon.
- Univ.-Prof. Mag. Dr. Markus Tilp ist stellvertretender Leiter des Instituts für Bewegungswissenschaft, Sport und Gesundheit an der Karl-Franzens-Universität Graz. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf dem komplexen Zusammenspiel von Muskeln und Sehnen – bei gesunden Menschen unter anderem auf kurz- und langfristigen Effekten von Dehnung. Ein weiterer Fokus ist die Frage, wie das Muskelsystem von Kindern mit Zerebralparese durch gezielte Maßnahmen positiv beeinflusst werden kann.
Impulsstatements und lebendige Diskussion
Nach kurzen Impulsreferaten der vier Expert:innen stand die zentrale Frage im Fokus:
Was macht Norwegen in der Entwicklung von Spitzensportler:innen anders – und warum lässt sich dieses Erfolgsmodell nicht einfach auf Österreich übertragen?
Aus unterschiedlichen Blickwinkeln wurden unter anderem folgende Aspekte diskutiert:
- Strukturen des Nachwuchs- und Vereinssports in Norwegen im Vergleich zu Österreich
- die Rolle von Langfristigkeit und Entwicklung („mastery“) gegenüber kurzfristigem Erfolgsdruck
- Kultur und Werte im norwegischen Sport – etwa der Umgang mit Fehlern, der Stellenwert von Freude an Bewegung und Teamgeist
- die Bedeutung von wissenschaftlicher Begleitung, Diagnostik und individuell abgestimmter Trainingssteuerung
- Unterschiede in der Trainerausbildung und in der Zusammenarbeit von Verbänden, Vereinen und Wissenschaft
Die Teilnehmer:innen hatten vorab die Möglichkeit, ihre Fragen einzureichen. Diese wurden gebündelt an das Panel weitergegeben, sodass zentrale Interessen aus der Community – von konkreten Trainingsansätzen bis hin zu sportpolitischen Rahmenbedingungen – gezielt aufgegriffen werden konnten. Dadurch entstand eine sehr lebendige, teilweise auch kontrovers geführte Diskussion, die Praxis-Insights aus dem Spitzensport mit wissenschaftlichen Perspektiven der Trainings- und Bewegungsforschung verband.
Die Online-Fika zeigte eindrucksvoll, wie wertvoll der Austausch zwischen Praxis und Wissenschaft im Sport sein kann. Die knapp 30 Teilnehmenden erhielten exklusive Einblicke in norwegische Erfolgsmodelle, konnten diese mit der Situation in Österreich vergleichen und Impulse für Training, Talententwicklung und sportliche Rahmenbedingungen mitnehmen.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei allen Mitwirkenden!