Wenn Aurelia Sedlmair zum Skalpell greift, fließt kein Blut. Ihre exakten Schnitte wirbeln aber mitunter ein wenig Staub auf, denn die gebürtige Bayerin ist Restauratorin in den Sondersammlungen der Universitätsbibliothek. Sie unterstützt seit Anfang des Jahres das Team um Theresa Zammit Lupi, das äußerst professionell und mit langjähriger internationaler Erfahrung am Erhalt der teils jahrhundertealten Bücher arbeitet.
Wobei das Restaurieren in den meisten Fällen streng genommen ein Konservieren ist, „denn man soll die Geschichte eines Buches ruhig sehen können. Wir restaurieren nur die Funktion. Sonst verliert das Werk den Charakter“, erklärt Sedlmair. Die Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Graz umfassen rund 300.000 Objekte: Papyri, Handschriften, Inkunabeln, Karten und Buchdrucke vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Auch der Sensationsfund aus dem Jahr 2023, das Grazer Mumienbuch, wird hier beherbergt. Es ist das weltweit älteste bekannte Buchfragment in Kodex-Form.
Inmitten all dieser Schätze fühlt sich Aurelia Sedlmair wohl. Für sie gehören Bücher schon immer zu ihrem Leben dazu. Ihre ersten beruflichen Schritte führten sie ins Verlagswesen, sie musste aber feststellen, dass es in diesem Bereich weniger um Bücher geht, als man annehmen möchte.
In der Folge wandte sie sich dem Übersetzen von Büchern zu und schließlich absolvierte sie in England ein Masterstudium in Papierund Buchrestaurierung. „Jedes Buch ist anders. Meine Arbeit ist interessant, spannend und herausfordernd“, sagt sie. Es braucht viel Wissen und Geduld, um die historischen Schätze für die kommenden Generationen zu bewahren.
Schmutz und Abnutzung, unachtsamer Umgang, Wasser, Nager und Insekten setzen den Büchern zu. „Kleine Silberfischchen fressen zum Beispiel gerne den Leim, der ursprünglich aus Pergamentresten oder Fisch- und Knochenresten – oft waren es kleine Knochenteile von Hasen – hergestellt wurde“, weiß Sedlmair. Die Expertin hat für jedes Problem die richtige Lösung und das richtige Werkzeug. Neben dem Skalpell kommen zum Beispiel Falzbeine, Nadel und Faden, Spachtel, Pinzette und sogar das Reisenecessaire ihrer Großmutter zum Einsatz. Das Necessaire wurde zum handlichen Werkzeug umfunktioniert. Auch ein Rußschwamm liegt griffbereit: „Früher wurden die Bücher ja bei Kerzenlicht gelesen und der Ruß hat sich am Papier abgesetzt.“ (Weiße) Handschuhe trägt Aurelia Sedlmair bei ihrer Arbeit übrigens nicht: „Mit Handschuhen würde mir die notwendige Haptik fehlen. Gut gewaschene und trockene Hände reichen.“
Die Arbeit an den Büchern dauert je nach Zustand wenige Stunden, mehrere Tage oder bis zu einem halben Jahr. „Bücher bergen manchmal Überraschungen, dann muss man vom ursprünglichen Plan abweichen.“
Wobei in dieser Zeit auch an anderen Büchern gearbeitet wird. Aurelia Sedlmair ist für die Bücher aus den Buchpatenschaften zuständig. Darunter finden sich viele Werke, die sehr interessant, aber noch kaum erforscht sind, zum Beispiel Drucke aus dem späten 18. Jahrhundert über Graz und den Schloßberg, also historische Tourismus-Bücher.
Buchpatenschaften
Seit 2023 können an der Uni Graz Buchpatenschaften übernommen werden. Bisher sind dadurch bereits fast 80 Werke vor dem Verfall bewahrt worden. Um das Projekt zu unterstützen, gibt es zwei Möglichkeiten:
• Eine Buchpatenschaft zur fachgerechten Restaurierung eines ausgewählten Werkes.
• Bücherbausteine à 50 Euro, die in beliebiger Anzahl erwerbbar sind. Sie dienen der allgemeinen Restaurierung.
Die Spenden finanzieren nicht nur Materialien, sondern auch fachliches Know-how. Aurelia Sedlmair wurde eigens für diese Aufgabe angestellt. Die Liste der zu rettenden Werke ist lang und wird laufend ergänzt: Rund 40 Bücher warten derzeit auf engagierte Unterstützer:innen – sowohl Einzelpersonen als auch Unternehmen.