Dass Katalin Barta Weissert Chemikerin wurde, kommt nicht von ungefähr. Die Liebe zu diesem Fachbereich wurde ihr quasi in die Wiege gelegt. Ihre mittlerweile pensionierte Mutter arbeitete als Chemielehrerin an einem Gymnasium. „Ich durfte ihr kleines Labor besuchen. Die unzähligen geheimnisvollen Kolben und Becher sowie der charakteristische Geruch haben sofort mein Interesse geweckt.“ Als Schülerin nahm sie bereits an Chemie-Olympiaden teil, das Chemiestudium war der weitere logische Schritt.
Barta Weissert erkannte schon sehr früh, dass ihr Herz für die Forschung schlägt: „Mein Mentor István Horváth war gerade aus den USA nach Budapest zurückgekehrt und brachte eine spannende, zukunftsorientierte Forschungsvision sowie Kenntnisse aus erster Hand auf dem Gebiet der Katalyse und der grünen Chemie mit. Ich schloss mich schon im zweiten Studienjahr seiner Forschungsgruppe an. Diese Erfahrung hat meine zukünftigen Interessen enorm geprägt.“ Grüne Chemie bedeutet Abfall, Nebenprodukte und die Verwendung gefährlicher Stoffe zu verringern oder gänzlich zu vermeiden. Barta Weissert erklärt: „Die Forschung in der grünen Chemie erfordert einen kompletten Umdenkprozess, insbesondere hinsichtlich der Formulierung der zentralen Forschungsfragen. Man muss Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft in die Gestaltungsprinzipien einbeziehen.
Noch weiter gefasst sollte der Fokus auf der Gestaltung, Herstellung, Nutzung und Entsorgung über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts liegen, wobei Effizienz, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft als zentrale Gestaltungskriterien gelten. Meiner Meinung nach ist grüne Chemie angesichts des Ausmaßes der Umweltverschmutzung die einzig sinnvolle Wahl für die Zukunft der Chemie.“
2019 entschied sich die bereits damals hoch angesehene Forscherin, nach Graz zu kommen. „Ich war zuvor mehrmals in Wien und kannte andere Teile Österreichs vom Skifahren. Ausschlaggebend war, dass ich um die exzellente chemische Forschung an der Uni Graz wusste. Die Aktivitäten in den Bereichen Biokatalyse (Faber, Kroutil), Flow- und Mikrowellenchemie (Kappe) sowie molekulare Maschinen (Grill) sind international anerkannt und ich dachte, dass die Einbindung meiner Forschungsgruppe hervorragend zum Institut passen würde.“ Eine perfekte Entscheidung, wie sich herausstellen sollte: „Die Arbeitsbedingungen hier sind ausgezeichnet, da wir die nötige Freiheit zum Arbeiten
haben und bedeutende Unterstützung von der Universitätsleitung erhalten, wofür ich zutiefst dankbar bin.“
Katalin Barta Weissert und ihr Team konzentrieren sich in ihrer Forschung auf Nachhaltigkeit mit Schwerpunkt auf der Umwandlung erneuerbarer Ressourcen. „Unsere Vision ist es, die Nutzung und Funktionalisierung natürlicher Ressourcen und Abfallströme zu revolutionieren, um Kontrolle über Reaktivität, Selektivität, Materialeigenschaften und Recycling zu erlangen.“ Im aktuellen Forschungsprojekt „WoodValue“ steht die stoffliche Nutzung von Holzabfällen, insbesondere Lignin, im Fokus, um daraus hochwertige chemische Verbindungen wie zum Beispiel Medikamente herzustellen. „Das Hauptziel dieses Projekts besteht darin, zu zeigen, dass wir grundsätzlich hochkomplexe Moleküle aus etwas so Unverarbeitetem und Komplexem wie Holzspänen gewinnen könnten. Das erfordert natürlich fundierte Kenntnisse über diese nachwachsenden Rohstoffe sowie die Entwicklung völlig neuer Methoden für deren Verarbeitung oder Umwandlung. Die Aussicht, wertvolle Moleküle, sogar biologisch aktive Verbindungen oder Medikamente aus den Holzspänen in unserem Hinterhof zu gewinnen, ist im Hinblick auf die Versorgungssicherheit Europas mit Rohstoffen, die Abkehr von importierten Chemikalien und die Unabhängigkeit vom Erdöl von großer Bedeutung.“
Die Expertin arbeitet an der Uni Graz mit einem internationalen Team. „Heutzutage ist ‚Internationalisierung‘ ein sehr beliebter Begriff und Institutionen sind bestrebt, ihn umzusetzen. Für mich ist es einfach die natürliche Art zu leben und zu forschen. Ich genieße multikulturelle Umgebungen wirklich sehr. Da ich in acht verschiedenen Ländern studiert und gearbeitet habe, hatte ich schon immer ein großes Interesse an verschiedenen Kulturen, Sprachen und unterschiedlichen Vorgehensweisen. Ich habe festgestellt, dass eine gute Mischung aus lokalen und internationalen Forschenden das Erfolgsrezept ist. Im Laufe der Jahre waren in meinem Team unzählige Länder vertreten, wie die Niederlande, Italien, Frankreich oder auch Indien, China, Mexiko, Brasilien oder die USA.“
Die Grundlagenforschung in der grünen Chemie hat klare gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen. „Wir haben nur einen Planeten und wir Chemiker:innen werden in Zukunft eine wichtige Rolle bei seinem Schutz spielen. Die Forschung im Bereich der grünen Chemie trägt zu saubererem Wasser, sauberer Luft, Versorgungsunabhängigkeit bei Rohstoffen, dem Übergang von Petrochemikalien hin zur Nutzung erneuerbarer Ressourcen sowie zur Entwicklung besserer Produkte für die Verbraucher:innen bei.“ Das heißt, die Forschung von Katalin Barta Weissert könnte ein echter Gamechanger sein.
Zu den zahlreichen Preisen, die sie bereits erhalten hat, zählten allein im Vorjahr der Forschungspreis des Landes Steiermark für herausragende Leistungen im Bereich der Wissenschaft und der mit 378.000 Euro dotierte Zero Emissions Award des FWF (Österreichischer Wissenschaftsfonds). An dieser Stelle sei kurz angemerkt: Es hat bereits mehrere Nobelpreisträger gegeben, die an der Universität Graz gewirkt haben. Drei davon erhielten den Nobelpreis für Chemie. Bislang waren es ausschließlich Männer*...
*Svante Arrhenius (1903), Walther Nernst (1921), Fritz Pregl (1923)
Zur Person
Katalin Barta Weissert Geboren und aufgewachsen in der Slowakei ging Katalin Barta Weissert nach der Matura zum Chemiestudium an die ELTE in Budapest (HU). Ihr Doktorat schloss sie an der RWTH Aachen (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen) ab. Anschließend war sie Postdoc an der University of California (USA) und arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Center of Green Chemistry and Engineering der Yale University (USA). 2013 erhielt sie die Chance, ihre eigene Forschungsgruppe an der Universität Groningen (NL) am Stratingh Institute for Chemistry zu gründen. Seit 2019 ist sie an der Universität Graz tätig, wo sie eine Professur in Chemie innehat und die Barta Group (Profilbereich Climate Change Graz) leitet.