Die USA stehen unter Spannung: politisch, gesellschaftlich und institutionell. Zwischen dem Versprechen von Veränderung und wachsender Verunsicherung beschreibt der ORF Korrespondent Markus Müller-Schinwald ein Land im Umbruch. Ein Gespräch über die Dynamik aktueller Politik, zunehmende soziale Ungleichheit
Text: Carmen Reif-Teubenbacher
Herr Müller-Schinwald, seit Juli 2025 sind Sie als Korrespondent für das ORF-Büro in Washington, D.C. tätig. Seitdem ist in den USA so viel passiert, dass eine Auflistung das ganze Interview füllen würde. Zwischen Charlie Kirk, der „No Kings“-Bewegung, Grönland, Venezuela, den Epstein-Files und jetzt dem Krieg im Iran: Wie schätzen Sie aktuell die politische Lage in den USA ein?
Markus Müller-Schinwald: Wir bewegen uns derzeit ständig an einer Grenze – zwischen der Frage, ob wir uns große Sorgen machen müssen, oder ob wir darauf vertrauen können, dass sich am Ende alles doch stabilisiert. Die USA stecken mitten in einer tiefgreifenden Transformation. Wahrscheinlich ist es die größte gesellschaftliche Veränderung seit zumindest dem Fall des Eisernen Vorhangs – vielleicht sogar darüber hinaus.
Donald Trump hat das Ziel, die Gesellschaft zur Gänze umzugestalten. Das Problem dabei ist: Er hat dafür keinen klaren Plan. Also muss man sich vielleicht doch größere Sorgen machen. So viele Dinge sind aktuell extrem chaotisch. Die Gesellschaft, die Institutionen, der Staat gehen in eine ganz eigenartige Richtung. Das Weiße Haus sagt: So wie es bisher war, geht es nicht weiter. Viele Menschen teilen dieses Gefühl. Aber es ist unklar, welche Richtung eingeschlagen wird.
Welche langfristigen Entwicklungen beobachten Sie dabei besonders?
Ein zentrales Thema ist die wachsende soziale Ungleichheit. Die Vermögenskonzentration hat ein Ausmaß erreicht, das man kaum mehr ignorieren kann. Elon Musk allein hat mehr Vermögen als 50 Prozent der Amerikaner:innen, das oberste eine Prozent hat mehr Vermögen als die 99 Prozent darunter. Und diese Schere geht weiter auseinander – sie wird nicht kleiner.
Das führt zu einer grundlegenden Frage: Wohin entwickelt sich diese Gesellschaft? Mein Bauchgefühl sagt mir, dass die USA grundsätzlich resilient sind. Aber gleichzeitig glaube ich auch, dass das Land in seiner bisherigen Form nicht bestehen bleiben wird. Nach der nächsten Wahl 2028 wird sich die amerikanische Gesellschaft, wie wir sie bisher kannten oder zu kennen glaubten, weiter massiv verändern.
Wie erleben Sie die Stimmung unter den Wählerinnen und Wählern?
Zunächst einmal: „die USA“ gibt es nicht. Das Land ist extrem fragmentiert – geografisch, sozial und kulturell. Washington, D.C. ist eine eigene Blase, die sich stark vom Rest unterscheidet, und selbst innerhalb einzelner Regionen gibt es große Unterschiede. Was sich aber schon sagen lässt: Die Grundstimmung ist nicht positiv. Viele Menschen wollten Veränderung – deshalb haben sie Donald Trump gewählt. Gleichzeitig wächst die Unzufriedenheit, weil sich zeigt, dass viele von Trumps Wahlversprechen nicht in der erwarteten Form umgesetzt werden.
Wie zeigt sich diese Entwicklung konkret im Alltag?
Ein Beispiel ist das Bildungssystem. Viele Familien versuchen,ihre Kinder auf private Highschools zu schicken – was extrem teuer ist. Selbst in wohlhabenderen Gegenden können sich viele Familien nur leisten, eines ihrer Kinder auf eine solche Schule zu schicken. Das betrifft nicht nur einkommensschwache Haushalte, sondern auch die Mittelschicht. Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sich grundlegende Strukturen verschieben. Wenn selbst stabile gesellschaftliche Gruppen zunehmend unter Druck geraten, ist das ein Hinweis auf tiefere Probleme.
Sie sind jetzt seit einigen Monaten vor Ort. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Der Einstieg war natürlich intensiv – sowohl politisch als auch persönlich. Es gab viele unerwartete Situationen, auch im Alltag. Nach dem ersten halben Jahr hat sich eine gewisse Routine eingestellt. Beruflich ist mein Alltag klar strukturiert. Wenn es keine Sondersendungen gibt, sind die täglichen Abläufe nach den Sendungen in Wien ausgerichtet. Morgenjournal, Mittagsjournal, ZIB 1 und ZIB 2 definieren unseren Tag. Das heißt, der zeitliche Ablauf ist klar. Inhaltlich schaut es natürlich anders aus. Man weiß nie genau, welche Entwicklungen den nächsten Tag prägen werden.
War für Sie die Eskalation der vergangenen Monate – die tödlichen Schüsse auf Renée Good und Alex Pretti – vorhersehbar?
Aus meiner Sicht ist das Wesen dieser Administration auf Eskalation ausgelegt. Das Ausmaß der vergangenen Monate war allerdings doch überraschend. Ein besonders prägendes Erlebnis war ein Gespräch mit einem afroamerikanischen Taxifahrer. Er brachte die Situation sehr zugespitzt auf den Punkt: „Wenn jetzt schon Weiße von den Behörden erschossen werden, was passiert dann mit uns?“ Solche persönlichen Begegnungen zeigen oft deutlicher als jede Statistik, wie sich politische Entwicklungen im Alltag auswirken.
Die Leute wissen nicht, was im Iran passiert, aber sie wissen ganz genau, wie viel eine Gallone Benzin an der Tankstelle kostet.
Die aktuelle Stimmung in den USA haben Sie schon sehr eindringlich beschrieben. Gibt es aus Ihrer Sicht Aspekte der US-Politik, die in Europa oft missverstanden werden?
Mein bisheriges Learning war, dass sich die amerikanische Politik praktisch ausschließlich um die Befindlichkeiten – vor allem um die wirtschaftlichen Befindlichkeiten – der amerikanischen Bevölkerung dreht und dass alles außerhalb der USA für die amerikanische Politik völlig irrelevant ist. Was wir Europäer von den USA halten oder was in Lateinamerika passiert, interessiert dort niemanden. Der größte Fehler ist, anzunehmen, dass die amerikanische Gesellschaft ähnlich funktioniert wie europäische Gesellschaften. Oberflächlich gibt es viele Gemeinsamkeiten, aber in der Tiefe unterscheiden sich die Systeme erheblich – etwa bei sozialer Absicherung oder Machtstrukturen.
Ginge die amerikanische Bevölkerung den Schritt mit, für wirtschaftliche Interessen auch Völkerrechtsbrüche zu begehen – wie zum Beispiel bei einem Einmarsch in Grönland?
Das lässt sich vielleicht mit einem Spruch beantworten, den man immer wieder hört: Die Leute wissen nicht, was im Iran passiert, aber sie wissen ganz genau, wie viel eine Gallone Benzin an der Tankstelle kostet. Aktuell, also Ende März, sind es zum Beispiel sieben Dollar in Kalifornien.
Sie waren bereits in Moskau als Auslandskorrespondent tätig, jetzt in den USA. Sehen Sie Parallelen in der Politik?
Die Funktionsweise der obersten Regierungsebene in den USA entwickelt sich zunehmend in eine Richtung, die an Russland erinnert – insbesondere der starke Einfluss von Oligarchen. Noch wichtiger ist jedoch: Die Politik wird stärker personenbezogen. Nicht das Außenministerium spricht mit dem Weißen Haus, sondern der Außenminister, Marco Rubio. Nicht das Unternehmen, das Raketen baut, spricht mit Donald Trump, sondern dessen CEO, Elon Musk. Politik wird persönlicher, während Institutionen an Bedeutung verlieren. Dadurch nähern sich die beiden Systeme tendenziell an.
Wie gehen Sie als Journalist mit Polarisierung und „Fake News“ um? Gerade wenn die Quelle eigentlich seriös sein sollte – wie die Sprecherin des Weißen Hauses, Karoline Leavitt.
Politik besteht immer daraus, bestimmte Aspekte der Realität stärker in den Vordergrund zu rücken als andere. Wer Regierungssprecher:innen blind glaubt, hat den Job ohnehin verfehlt – egal, ob wir von der Regierung Joe Biden, Barack Obama oder der aktuellen sprechen. Aussagen müssen immer kritisch hinterfragt werden. Natürlich wirkt aktuell vieles noch verrückter. Aber davon auszugehen, dass einem egal welche Regierung freiwillig die ganze Wahrheit präsentiert, wäre eine journalistische Fehlannahme.
Was macht für Sie grundsätzlich guten Journalismus aus?
Er sollte faktenbasiert sein und sich nicht an persönlichen oder politischen Werturteilen orientieren. Idealerweise sollte die eigene Haltung nicht aus der Berichterstattung herauszulesen sein. Gleichzeitig hat Journalismus auch eine gesellschaftliche Funktion. Es geht nicht nur um Information oder Unterhaltung, sondern auch darum, Missstände sichtbar zu machen und zur Verbesserung von Systemen beizutragen. Im besten Fall gelingt das auf eine Weise, die sowohl informativ als auch zugänglich ist.
Was hat Sie bisher an Ihrer Zeit in den USA am meisten überrascht?
Persönlich hat mich überrascht, wie wahnsinnig schlecht die Bürokratie hier funktioniert. Auf gesellschaftlicher Ebene erstaunt mich der geringe Widerstand der Bevölkerung gegen diese zum Teil sehr repressiven und autoritären Entwicklungen in der Regierung. Ich hätte erwartet, dass es deutlich stärkere gesellschaftliche Reaktionen gibt. Stattdessen ist vielerorts eine spürbare Zurückhaltung zu beobachten – mitunter auch aus Angst. Diese Zurückhaltung zeigt sich auch im Umgang mit Medien. Viele Menschen sind vorsichtig geworden, wenn es darum geht, ihre Meinung öffentlich zu äußern. Das war für mich eine der überraschendsten Beobachtungen.
Im kommenden Herbst wird bei den Midterms über die Mehrheiten im Repräsentantenhaus und im Senat entschieden. Wo geht aus Ihrer Sicht die Reise hin?
Es gibt den schönen Spruch „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“. Aus heutiger Sicht ist es nicht vorstellbar, dass die Republikaner das Repräsentantenhaus halten. Bis zu den Wahlen sind es aber noch mehr als sechs Monate. Es bleibt also spannend.
Hat sich Ihr Blick auf die Politik in den vergangenen Monaten verändert?
Meine grundlegenden Annahmen haben sich nicht verändert. Überrascht hat mich jedoch das Ausmaß, in dem bestimmte Entwicklungen möglich sind. Es ist weniger ihre Existenz – solche Phänomene kennt man auch aus anderen Kontexten – als vielmehr ihre Intensität, die in dieser Form bemerkenswert ist.
Mehr Markus Müller-Schinwald
Über seine Studienzeit an der Universität Graz und seine berufliche Laufbahn spricht der Journalist in unserem Video-Podcast.