Frau Hierzegger, darf Kunst wirklich alles? Was ist Ihre persönliche rote Linie? Was darf Kunst für Sie nicht?
Pia Hierzegger: Kunst darf sich nicht über Schwächere lustig machen. Aber ich glaube, das darf niemand. Es ist immer leicht, sich über Schwächere lustig zu machen. Ich persönlich finde es nicht interessant, wenn Kunst mir vorschreibt, was ich denken soll. Kunst sollte eher Fragen stellen und Möglichkeiten aufmachen, wie man Themen auch anders sehen kann. Das ist viel interessanter als Kunst, die eine Meinung vertritt und sie anderen überstülpen will.
Kunst, die ausschließlich provozieren will, ist manchmal auch ein bisserl fad.
Darf Kunst provozieren – vielleicht sogar verletzen, wenn dadurch eine wichtige Diskussion entsteht?
Schwierige Frage. Ich würde niemandem unterstellen, dass dahinter immer Absicht steckt, aber Kunst, die ausschließlich provozieren will, ist manchmal auch ein bisserl fad.
Ein gutes Gegenbeispiel ist Christoph Schlingensief, der Dinge inhaltlich und formal so zugespitzt und klug angesprochen hat, dass sogar die, die sich provoziert fühlten, wenig Gegenargumente hatten.
Was wäre hier ein konkretes Beispiel aus Ihrer Arbeit?
Wir haben einmal eine Straßenaktion gemacht, nach einer Idee von Helmut Köpping, dem langjährigen künstlerischen Leiter des Theaters im Bahnhof. Es ging um das Bettelverbot in Graz. Wir haben einen sogenannten „Bettelautomaten“ gebaut – eine Kiste mit einem Schlitz, in den man Geld werfen konnte, während sich ein Mensch darin versteckte. Das hat natürlich irritiert und auch provoziert. Aber genau darum ging es: sichtbar zu machen, wie absurd es ist, das Betteln zu verbieten, statt die Ursachen zu bekämpfen. Menschen betteln ja nicht, weil es ihnen Spaß macht. Das war ein Versuch, diese Realität zu spiegeln. Ob das konkret etwas verändert hat? Wahrscheinlich nicht direkt. Aber es hat Gespräche ausgelöst.
In letzter Zeit wird viel über Kunstfreiheit und ihre Grenzen diskutiert. Stichwort Cancel-Culture oder auch Fälle wie die Absetzung von Formaten, weil Inhalte als problematisch gelten. Wo sehen Sie da die Verantwortung von Künstlerinnen und Künstlern?
Verantwortung hat man immer für das, was man macht. Gleichzeitig passieren Dinge auch aus Unwissenheit. Es verändert sich ja ständig, wie wir sprechen, wie wir miteinander umgehen. Da kommt man manchmal gar nicht hinterher. Wichtig ist dann, dass man die Größe hat, sich zu entschuldigen, wenn man jemanden verletzt hat. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Bei manchen Themen – etwa Religion – ist es besonders heikel. Ich selbst habe wenig Bezug dazu und finde, dass man Religion grundsätzlich auch kritisieren und sich darüber lustig machen darf. Persönlich würde ich es aber nicht machen, weil ich weiß, dass es Menschen verletzt. Das ist immer ein Abwägen.
Gibt es Bereiche, wo Sie weniger Zurückhaltung fordern würden?
Ja, bei den Mächtigen. Die sollten aushalten, dass man sich über sie lustig macht. Satire muss nach oben zielen dürfen. Problematisch wird es, wie schon gesagt, wenn man sich über Menschen lustig macht, die ohnehin schon um ihre Rechte kämpfen oder marginalisiert sind. Das ist halt dann immer sehr einfach.
Ein anderes Spannungsfeld ist die wirtschaftliche Realität. Zum Beispiel, wenn Künstler:innen in Länder gehen, deren politische Systeme problematisch sind – oft aus finanziellen Gründen. Wie bewerten Sie das?
Ich finde das ehrlich gesagt oft seltsam. Gerade wenn klar ist, dass es primär ums Geld geht. Gleichzeitig ist es leicht, von außen streng zu urteilen. Viele Künstlerinnen und Künstler müssen einfach von ihrer Arbeit leben, besonders wenn sie keine Förderungen bekommen. Ich selbst habe immer versucht, nur Projekte zu machen, hinter denen ich stehen kann. Aber das funktioniert auch nur, wenn man die Wahl hat. In Österreich etwa bekommen viele Kabarettistinnen und Kabarettisten keine Subventionen – die müssen wirtschaftlich denken.
Trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl, wenn Kunst in Kontexten stattfindet, in denen nicht alle Menschen gleichberechtigt Zugang haben – etwa wenn unklar ist, wer überhaupt im Publikum sitzen darf.
Veränderungen bewirken kann – oder bleibt sie eher ein Spiegel?
Ich glaube schon, dass Kunst, also die Art, wie Künstlerinnen und Künstler die Welt betrachten, etwas weiterbringen kann. Jene, die zunächst angefeindet werden, sind meistens die, an die man sich später erinnert, die immer einen Schritt voraus sind. Gleichzeitig finde ich es nicht zielführend, wenn Kunstschaffende zu allem eine Meinung äußern müssen. Ich frage mich manchmal, warum Schauspielerinnen und Schauspieler ständig zu politischen Themen befragt werden. Viele von uns lernen Texte auswendig, wir schreiben sie nicht.
Gab es in Ihrer eigenen Arbeit Momente, in denen Sie gemerkt haben: Da hat etwas wirklich Resonanz erzeugt?
Ja, eher im Sinne von Rückmeldung als von Veränderung. Es gab Projekte, die Gespräche ausgelöst haben, die sonst vielleicht nicht entstanden wären. Zum Beispiel eine Arbeit über Johanna Dohnal – die hat in verschiedenen Kontexten immer wieder Diskussionen angestoßen. Oder der Film „Altweibersommer“ (das Regiedebüt von Pia Hierzegger): Viele Frauen in meinem Alter haben sich darin wiedergefunden, gerade weil über sie sonst seltener erzählt wird. Auch von Menschen mit Krebserkrankung gab es viele Rückmeldungen, dass sie es schön fanden, einen solchen Charakter zu sehen, der zwar diese Erfahrung hat, aber nicht darauf reduziert wird. Das sind Momente, wo man merkt: Es gibt einen Widerhall.
Man kann sehr viel sagen – man muss nur damit leben, dass andere widersprechen.
Sie sind schon lange in diesem Feld tätig. Haben Sie den Eindruck, dass künstlerische Freiräume in Österreich kleiner werden?
Es gibt Einsparungen, das ist klar. Und natürlich müssen alle sparen. Aber wenn im Land Steiermark aus ideologischen Gründen gekürzt wird, finde ich das problematisch. Kunstförderung sollte nicht dazu dienen, bestimmte Inhalte zu bestrafen. Steuergeld sollte ermöglichen – auch Dinge, die einem persönlich vielleicht nichts bringen. Kultur ist ein öffentlicher Raum, und der gehört geschützt.
Gleichzeitig hört man oft, man dürfe heute „nichts mehr sagen“. Wie sehen Sie das?
Ich halte das für übertrieben. Viele, die das behaupten, haben gleichzeitig große Plattformen. Man kann sehr viel sagen – man muss nur damit leben, dass andere widersprechen.
Ein aktuelles Thema in der Kunst, das viele so nicht erwartet haben: Welche Rolle spielen neue Technologien wie Künstliche Intelligenz?
Das ist eine große Veränderung, keine Frage. Ich denke, vieles wird rechtlich geregelt werden müssen – etwa die Nutzung von Stimmen oder Bildern. Umso wichtiger wird es für Künstlerinnen und Künstler, mehrere Standbeine zu haben. Sich nur auf ein Medium zu verlassen, kann riskant sein. Ich selbst habe noch eine große Scheu. Ich nutze KI zwar punktuell, aber mit Vorsicht. Ich würde zum Beispiel nie ein Drehbuch einfach hochladen. Ich hätte keine Befriedigung am Betrug. Ich mache die Arbeit viel zu gerne, um von der KI etwas schreiben zu lassen. Gleichzeitig glaube ich nicht, dass die KI kreative Prozesse komplett ersetzt. Es hat auch schon vor 25 Jahren geheißen, dass die Schachcomputer viel besser sind als Menschen und deshalb wird es keine Schachspieler:innen mehr geben. Und es gibt sie immer noch.
Zum Abschluss: Was soll Kunst heute sein?
Ich habe erst kürzlich wieder gehört, Kunst ist nichts, was man zum Überleben braucht – zumindest nicht im direkten Sinn. Deshalb ist es oft schwer, ihre Bedeutung zu argumentieren. Dabei vergisst man aber auch, wie viele Arbeitsplätze im Kunstsektor verankert sind. Kunst soll aber natürlich nicht nur eine Arbeitsplatzsicherung sein. Kunst ist für mich eine Art, Dinge zu betrachten, die uns alle weiterbringt. Womit ich mir persönlich schwertue, ist humorlose Kunst, oder Kunst, die nur zur Befriedigung der Künstlerin oder des Künstlers da ist. Kunst soll etwas in mir auslösen, eine intellektuelle Forderung sein. Wenn ich am Abend ein Buch lese und am nächsten Tag eine Situation oder einen Menschen besser verstehe, dann hat Kunst ihren Zweck erfüllt.
Zur Person
Pia Hierzegger zählt zu den spannendsten Stimmen der österreichischen Kunstszene. Sie studierte Anglistik/Amerikanistik und Germanistik an der Universität Graz und schloss ihr Studium mit einem Bachelor in Germanistik ab.
Mehr über Pia Hierzegger, ihre Studienzeit an der Universität Graz und ihre Arbeit als Schauspielerin, Autorin und Regisseurin erfahren Sie in unserem Video-Podcast.
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