Geheimnisvolle Totenrituale
GEWI. Seit jeher faszinieren die Verbindungen und Interaktionen zwischen Lebenden und Toten. Warum wurden Gräber auf frühmittelalterlichen Friedhöfen (5. bis 8. Jh. n. Chr.) oft schon kurz nach der Bestattung wieder geöffnet und dadurch gestört? Welche praktischen, mentalen und emotionalen Dimensionen verbergen sich dahinter? Während diese Grabstätten landläufig als minderwertige archäologische Quelle angesehen werden, kommt ihnen im vom European Research Council finanzierten Projekt „The Present Dead“ eine besondere Bedeutung zu. Ihre Erforschung soll wichtige Hinweise auf frühmittelalterliche Praktiken im Umgang mit den Toten liefern. Denn was zunächst wie Störung oder Plünderung wirkt, könnte in Wirklichkeit Teil bewusster Handlungen und Rituale gewesen sein.
Mithilfe modernster Methoden – von mikroarchäologischen Ausgrabungen bis zu 3D-Rekonstruktionen – werden menschliche Überreste und Artefakte aus den Gräbern Mittel- und Osteuropas analysiert. Zusammen mit der Auswertung schriftlicher Quellen soll so ein neues Bild frühmittelalterlicher Bestattungsrituale und ihrer Zyklen gewonnen werden.
Erben im gesellschaftlichen Wandel
REWI. Das Erbrecht steht angesichts vielfältiger Familienformen vor neuen Herausforderungen. Patchwork- und Pflegefamilien, unverheiratete oder gleichgeschlechtliche Paare, Kinderlose oder Personen mit internationalen Lebenswegen passen oft nur begrenzt in traditionelle Modelle. Eine vom FWF geförderte Forschungsgruppe unter der Koordination von Institutsleiter Gregor Christandl untersucht, wie Menschen unter diesen Bedingungen erben und vererben. Erstmals in Österreich widmet sich damit ein größeres Forschungsprojekt systematisch diesem Themenfeld.
Erben bedeutet mehr als die Weitergabe von Vermögen. Es geht um Gerechtigkeit, Verantwortung und Zusammenhalt zwischen Generationen. Analysiert werden Testamente, Gerichtsentscheidungen sowie materielle und immaterielle Werte wie Immobilien oder digitales Erbe. Das interdisziplinäre Team der Universitäten Graz und Wien wird von Gregor Christandl, Klaus Kraemer und Ulrike Zartler geleitet. Der FWF fördert das Projekt von 2026 bis 2031 mit 1,49 Mio. Euro.
Unsichtbares Plastik sichtbar machen
NAWI. Raquel Gonzalez de Vega beschäftigt sich mit der Entwicklung neuer analytischer Methoden zur Bestimmung und Charakterisierung von Mikro- und Nanoplastik in der Umwelt. Diese Partikel sind weit verbreitet, doch ein Teil davon bleibt mit herkömmlichen Methoden oft unsichtbar oder wird nicht ausreichend erfasst. Im Rahmen ihrer Forschung arbeitet sie daran, Kunststoffpartikel in komplexen Proben wie Abwasser nicht nur zu detektieren, sondern auch ihre Größe, Zusammensetzung und Veränderungen genauer zu untersuchen. Damit trägt sie dazu bei, eine wichtige Lücke in der Umweltanalytik zu schließen. Ein besonderer Fokus der Arbeit liegt darauf, zu verstehen, wie sich Kunststoffpartikel in technischen Reinigungsprozessen verändern und ob dabei noch schwerer erfassbare Fragmente entstehen. Damit schafft diese Forschungsarbeit eine wissenschaftliche Grundlage für eine bessere Umweltüberwachung und wirksamere Strategien im Umgang mit Plastikverschmutzung.
Wie gelingt die KI-Transformation?
SOWI. Künstliche Intelligenz verändert unser Leben, unsere Arbeit und unsere technologischen Möglichkeiten in Forschung und Entwicklung rasant. Wie wollen wir als Gesellschaft diese Entwicklung gestalten und wie mit den ökonomischen Auswirkungen umgehen? Wird das freie Spiel der Kräfte am Markt die Wohlstandspotenziale von Künstlicher Intelligenz heben oder wird es auch „Verlierer“ der technologischen Entwicklung geben? Sind Instrumente wie Robotersteuern, ein universelles Grundeinkommen oder groß angelegtes Reskilling ökonomisch sinnvoll? Und wie viel Regulierung kann man sich erlauben, ohne im internationalen Innovationsrennen abgehängt zu werden? Die Forschung von Maik T. Schneider beschäftigt sich auf Basis von formalen ökonomischen Modellen mit diesen Forschungsfragen, damit wir die Transformation unserer Ökonomie durch die Künstliche Intelligenz so gestalten können, dass die große gesellschaftliche Mehrheit von den ungeahnten Potenzialen der Künstlichen Intelligenz profitiert.
Wie die Bibel Geschlechterrollen prägt
THEOL. Das FWF-Projekt „Gender and the Bible“ am Institut für Religionswissenschaft der Universität Graz untersucht, wie biblische Texte in gegenwärtigen christlichen Kontexten zur Legitimation heteronormativer Geschlechterrollen herangezogen werden. Im Zentrum steht die Frage, wie Bibelstellen interpretiert und zur Begründung bestimmter Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität, Familie und kirchlicher Ordnung verwendet werden. Methodisch verbindet das Projekt religionswissenschaftliche Diskursanalyse mit qualitativer und quantitativer Sozialforschung. Einerseits werden kirchliche Dokumente analysiert, andererseits Interviews in römisch-katholischen und evangelikalen Gemeinschaften in Österreich geführt sowie eine umfangreiche österreichweite quantitative Befragung durchgeführt. Auf diese Weise wird untersucht, wie religiöse Argumentationen über Geschlecht entstehen, weitergegeben und im Alltag religiöser Gruppen ausgelegt werden. Die Ergebnisse zeigen, welche Rolle biblische Deutungen für religiöse Geschlechterbilder spielen und wie sie gegenwärtige gesellschaftliche Debatten über Geschlecht, Religion und soziale Normen prägen.
Rupert Baumgartner ist Universitätsprofessor für Nachhaltigkeitsmanagement und stellvertretender Vorstand des Instituts für Umweltsystemwissenschaften an der Universität Graz.
Halogenfrei und nachhaltig
URBI. Im Rahmen des Projekts „HaloFreeEtch“ werden halogenfreie Plasmaätzprozesse für die Elektronikindustrie entwickelt. Die Arbeitsgruppe von Rupert Baumgartner, der unter anderem auch die Umweltsystemwissenschafterin Saumya Sadhu angehört, bringt ihre Expertise in der Nachhaltigkeitsbewertung ein, um Nachhaltigkeitsaspekte bereits in frühen Phasen der Prozessentwicklung und des Produktdesigns umfassend berücksichtigen zu können. Insbesondere werden begleitende Lebenszyklusbewertungen durchgeführt und Entscheidungsunterstützungssysteme adaptiert, um ökologische und soziale Auswirkungen dieser neuen Technologien zu quantifizieren und so Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit integrativ und nicht erst nachträglich in der Technologieentwicklung zu berücksichtigen.