Christian Retscher
Aktuell: Seconded Expert to the European Comission DG CLIMA
Studien an der Uni Graz: Master of Science - MS, Theoretical Physics (2000) und Doctor in Natural Sciences - PhD, Physics (2004)
Wie sind Sie zur Europäischen Kommission gekommen?
Mein Weg zur Europäischen Kommission resultiert aus einer langjährigen internationalen Laufbahn an der Schnittstelle von Weltraumforschung und Klimawissenschaft. Nach prägenden Stationen beim NASA Goddard Space Flight Center und EUMETSAT sowie meiner darauffolgenden Tätigkeit als Atmosphere Scientist bei der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), bringe ich diese Expertise heute als Seconded National Expert (SNE) der ESA direkt in die DG CLIMA ein.
Könnten Sie kurz erklären, welche Hauptaufgaben die DG CLIMA übernimmt?
Die Generaldirektion Klima (DG CLIMA) fungiert als strategisches Zentrum für die Umsetzung des Europäischen Green Deals und trägt die Gesamtverantwortung für die Gestaltung, Verhandlung und Überwachung der EU-Klimapolitik auf dem Weg zur Klimaneutralität bis 2050. Ihr Aufgabenspektrum umfasst die Verwaltung des EU-Emissionshandelssystems (EU ETS) als zentrales Instrument zur Dekarbonisierung der Industrie, die Leitung der internationalen Klimadiplomatie im Rahmen der Vereinten Nationen sowie die regulatorische Steuerung von Sektoren wie Landnutzung und Klimaanpassung. Durch die Etablierung verbindlicher Rahmenwerke stellt sie sicher, dass die europäischen Klimaziele nicht nur verhandelt, sondern durch evidenzbasierte Maßnahmen und präzises Monitoring messbar erreicht werden.
Für welchen Bereich sind Sie genau zuständig?
In enger Zusammenarbeit mit meinen Kollegen der ESA unterstütze ich die DG CLIMA in Bereichen, in denen Satelliten- oder Beobachtungsdaten im weiteren Sinne in die Klimapolitik einfließen können. Dies umfasst sowohl die Stärkung der Resilienz von Städten und Regionen gegenüber dem Klimawandel als auch Maßnahmen zur Abschätzung von Treibhausgasemissionen in die Atmosphäre. Zu meinen weiteren Aufgaben zählt der Bereich LULUCF (Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft), wobei meine Arbeit speziell im Zusammenhang mit dem CRCF (Carbon Removal Certification Framework) relevant ist, da die Verifizierung und Überwachung der langfristigen CO2-Entnahme und -Speicherung, insbesondere im Rahmen von Carbon-Farming-Aktivitäten, in hohem Maße auf zuverlässige Fernerkundungsdaten angewiesen ist. Darüber hinaus unterstütze ich die Umsetzung des European Climate Resilience and Risk Management – Integrated Framework, indem ich dazu beitrage, die Evidenzgrundlage für Klimarisiken durch präzise Erdbeobachtung zu stärken und die Wirksamkeit von Anpassungsmaßnahmen von naturbasierten Lösungen bis hin zum Schutz kritischer Infrastrukturen europaweit messbar und vergleichbar zu machen. Zusätzlich begleite ich die wissenschaftliche Beobachtung im Bereich des geoengineering, um durch satellitengestütztes Monitoring die Datengrundlage bezüglich potenzieller Auswirkungen von Solar Radiation Modification (SRM) auf das Erdsystem zu verbessern.
Und wie kann man sich einen typischen Tag bei Ihnen vorstellen?
Ein typischer Tag als Experte für Erdbeobachtung bei der DG CLIMA ist eine dynamische Mischung aus wissenschaftlicher Analyse und strategischer Koordination im politischen Umfeld der EC. Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit besteht in der Evaluierung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und komplexer Beobachtungsdaten, um deren Belastbarkeit und operative Anwendbarkeit für die europäischen Klimarahmenwerke sicherzustellen. Dies ist insbesondere bei der Validierung von Kohlenstoffsenken im Kontext des CRCF sowie beim Emissionsmonitoring für das EU ETS und CBAM von zentraler Bedeutung. Den Schwerpunkt bilden dabei das Projektmanagement sowie die interinstitutionelle Abstimmung: In engem Austausch mit anderen Generaldirektionen, den EU-Institutionen sowie Partnern wie der ESA, EUMETSAT oder ECMWF, bzw. nationalen Institutionen koordiniere ich technische Fragestellungen und treibe die Integration präziser Beobachtungsdaten in die europäische Klimaagenda maßgeblich voran.
Was motiviert Sie besonders bei Ihrer Arbeit im Bereich Klimapolitik?
Angesichts der Dringlichkeit der Klimakrise sehe ich meine Motivation darin, digitale Lösungen zu schaffen, die ein wissenschaftliches Fundament für die Politik der Europäischen Kommission, insbesondere der DG CLIMA bilden. Europa verfügt mit Copernicus (neben weiteren Satelliten der ESA, EUMETSAT und nationaler Organisationen) über das weltweit beste Erdbeobachtungssystem, eine technologische Souveränität, die es uns ermöglicht, globale Veränderungen mit hoher Präzision sichtbar zu machen und die Relevanz unserer Arbeit objektiv zu untermauern. Mir geht es darum, durch diese präzise Überwachung Vertrauen in Klimaschutzmaßnahmen zu festigen und eine belastbare Brücke zu den nationalen Entscheidungsträgern zu bauen. Indem wir diese Daten in klare Fakten übersetzen, unterstützen wir die Mitgliedstaaten dabei, ihre Maßnahmen auf einer soliden Basis lokal wirksam umzusetzen. So schaffen wir das notwendige Fundament, damit die Politik diese Erkenntnisse gezielt nutzen kann, um die entscheidenden strategischen Impulse zu setzen.
Haben Sie einen Tipp für Studierende und Absolvent:innen, die auch in der Europäischen Kommission im Bereich Klimapolitik arbeiten möchten? Gibt es bestimmte Qualifikationen, die besonders wichtig sind?
Für einen erfolgreichen Einstieg in die europäische Klimapolitik erachte ich die Kombination aus technisch-wissenschaftlicher Expertise und politischem Verständnis als entscheidend. Studierende sollten ein Profil anstreben, das ein tiefes Verständnis für Klima- und Wetterprozesse sowie fundierte Kenntnisse in der Datenanalyse mit der Fähigkeit verbindet, komplexe Sachverhalte für Entscheidungsträger verständlich aufzubereiten. Neben einer hohen Sprachkompetenz und interdisziplinärem Denken, finde ich es ratsam, sich frühzeitig über das Blue Book Traineeship oder Junior-Programme in spezialisierten Einheiten wie der DG CLIMA oder dem JRC zu vernetzen.
Was haben Sie von Ihrem Studium in Graz mitgenommen?
Mein Weg wurde maßgeblich durch mein Studium in Graz geprägt, einem Standort, der insbesondere durch das Wegener Center einen exzellenten Ruf in der Klimaforschung genießt. Zuerst hat mir das Studium der Theoretischen Physik das entscheidende mathematische Rüstzeug vermittelt, um zugrundeliegende physikalische Prozesse tiefgreifend zu verstehen und diese in computergestützten Modellen präzise abzubilden. Aufbauend auf dieser Basis konnte ich mich in meiner Dissertation in Atmosphärenphysik intensiv mit dem Strahlungstransport und den komplexen Auswirkungen auf die Ozonschicht auseinandersetzen. Dieses Verständnis für die Dynamik der Atmosphäre bildet heute das Fundament meiner Arbeit, um komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge in belastbare Fakten für die europäische Klimapolitik zu übersetzen.