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Dr. Franz Karl Stanzel

Alumni im Portrait November 2021

Von der Kriegsgefangenschaft  in den Hörsaal

Seine „Theorie des Erzählens“ ist nach wie vor DAS Standardwerk für Literaturstudierende. Den Grundstein für seine akademische Karriere legten vier Jahre Kriegsgefangenschaft in England und Kanada. Heute ist Franz Karl Stanzel 98 Jahre alt. Wie hat Österreichs bekanntester Anglist seine eigene Studienzeit an der Uni Graz unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt? Ein Zeitzeugendokument.


Herr Prof. Stanzel, als Schüler haben Sie für die Unabhängigkeit Österreichs demonstriert, wurden deshalb 1938 nach der Annexion Österreichs sogar von der SS verhört. Und dann melden Sie sich 1940 mit 17 Jahren freiwillig zur Kriegsmarine. Warum?

„Freiwillig“ ist nicht ganz zutreffend. Es war eher eine Flucht zur Marine. Es galt die allgemeine Wehrpflicht und ich wusste, ich werde nach der Matura eingezogen. Einen  Stahlhelm aufsetzen und marschieren – das war für mich unvorstellbar. Gepaart mit einem gewissen  romantischen Fernweh fiel dann die Entscheidung für die Marine.

Eine gute Entscheidung, auch wenn das vorerst nicht so aussah.

Ja, 1942 diente ich auf dem U-Boot U331, das vor Algier von den Engländern versenkt wurde. Von der 49 Mann starken Besatzung überlebten 16 – und das auch nur, weil ein englischer Pilot seine Befehle missachtete. Er hätte nur zwei „Token-Prisoners“ aufgreifen sollen, also zwei Männer, die belegen konnten, welches Boot das war und wer der Kommandant war. Er zog aber so viele Überlebende aus dem Wasser, wie er konnte. Und als sein Flugzeug so voll war, dass er beinahe nicht mehr abheben konnte, rief er einen Zerstörer, der die restlichen Männer auffischte. Ich war einer davon.

Glück im Unglück. So könnte man auch die nachfolgende Zeit in der Kriegsgefangenschaft in England und Kanada bezeichnen.

Tatsächlich waren diese vier Jahre ausschlaggebend für meine akademische Karriere. Meine allererste Begegnung mit englischer Dichtung – mit William Wordsworth, um genau zu sein – fand im Gefangenenlager „Grizedale Hall“ in Cumberland statt. Und in Kanada profitierte ich von der umfangreichen Bibliothek des Lagers. Dort gab es zum Beispiel von Shakespeares Werken auch wissenschaftlich kommentierte Ausgaben. Deren Studium ersetzte ein ganzes Proseminar.

Warum haben Sie sich in der Kriegsgefangenschaft mit englischer Literatur beschäftigt?

Einerseits musste man sich ja irgendwie beschäftigen. Obwohl ich als Oberfähnrich kein Offizier war, wurde ich in ein Offizierslager geschickt. Als „gewöhnlicher“ Soldat hätte ich zur Arbeit außerhalb des Lagers herangezogen werden können. Das Offizierslager durfte aber nicht verlassen werden. Andererseits begann ich mich auch langsam damit auseinanderzusetzen, wie es nach dem Krieg weitergehen könnte. Aus der Seeoffizierslaufbahn – der Kriegsverlauf machte es immer deutlicher – würde offensichtlich nichts werden. Mit der englischen Sprache hatte ich mich schon vorher sehr eingehend beschäftigt, und daraus entstand der Wunsch, zu studieren und Englischlehrer zu werden. Und darauf begann ich mich schon im Gefangenenlager vorzubereiten.

An die Universität Graz ging es dann im Sommersemester 1947. Wie hat man damals eigentlich ein Studium finanziert?

Von einem Sparbuch durfte man 1947 maximal 150 Schilling monatlich abheben. Obwohl ich bei Freunden fast umsonst wohnen durfte – zum Leben war das zu wenig. Deshalb begann ich als Englischlehrer für Auswanderer in einem Flüchtlingslager der International Refugee Organisation in Trofaiach zu arbeiten. Dort verdiente ich dann ungefähr 900 Schilling im Monat.

Wie kann man sich die Lage an der Universität zu der Zeit vorstellen?

Die Zustände waren richtig desolat. Es herrschte an allem Not, vor allem an qualifiziertem Personal, da eine Reihe von Professoren wegen NS-Parteimitgliedschaft entlassen und viele Assistentenstellen eingespart worden waren. Das Anglistik-Institut bestand nur aus dem Leiter, Prof. Herbert Koziol, und einer wissenschaftlichen Hilfskraft. Englischunterricht wurde stundenweise von zwei Englisch-Lektoren erteilt. Zu „versorgen“ waren aber 90 bis 100 Anglistik-Studierende. Diese Zahl verdoppelte sich in den nächsten fünf Jahren. Bezeichnend für die Zeit war auch eine Episode in meiner ersten Literaturvorlesung an der Germanistik. Statt Goethe, wie erwartet, gab es eine Standpauke vom Professor, weil sich keine Freiwilligen gemeldet hatten, um Kohle vom Hauptbahnhof für die Öfen der Uni zu karren. Darauf habe ich mich mit einer Gruppe von Kollegen zusammengetan, bezeichnenderweise alle Kriegsheimkehrer; wir haben am Bahnhof Kohle in Säcke geschaufelt und sind mit zwei Handkarren durch die Kepplerstraße zur Uni gezogen. Das war sozusagen mein erster Beitrag zum Uni-Studium (lacht).

Wie war damals das Angebot grundsätzlich an der Germanistik?

Höflich ausgedrückt, sehr konservativ und uninteressant. Der Schwerpunkt lag auf Sprachgeschichte und positivistischer Literaturgeschichte. Ich besuchte zum Beispiel eine vierstündige Vorlesung über die Lautgeschichte des Deutschen. Da der Professor nicht sehr deutlich sprach und sich auch nicht einmal umdrehte, um etwa eine Lautentwicklung an die Tafel zu schreiben, behalfen wir uns damit, dass die erste Reihe im Hörsaal immer für mehrere „Schriftführer“ reserviert wurde, die dann gemeinsam ein Skriptum produzierten. Aber kein Mensch dachte damals an Protest – die Kriegsheimkehrer waren ja an stummen Gehorsam gewöhnt. Erst gegen 1969/70 änderte sich diese Situation mit der damaligen studentischen Protestbewegung.
 

Amerika prägte mich aber auch persönlich. Bis dahin kannte ich nur existenzielle Not und Anspruchslosigkeit. Und plötzlich war ich in einem Land, wo sozusagen Milch und Honig fließen, materiell und intellektuell.


Die Germanistik war damals nicht nur inhaltlich, sondern auch pädagogisch das Allerletzte. Die Anglistik war zwar sprachhistorisch gut versorgt, literarisch gab es aber nur Magerkost. Ein Aha-Erlebnis war für mich ein Gastvortrag des schottischen Autors Edwin Muir. Im Anschluss daran haben wir – eine Gruppe von fünf oder sechs Anglistik- und Germanistikstudenten – uns noch kurz mit Muir unterhalten, und da fragte er uns point blank: „What do you think of Kafka?“ Unsere Reaktion darauf war: „Kafka who?“ Das war 1947 und obwohl „Das Schloss“ zu dieser Zeit an manchen amerikanischen Colleges schon auf der Pflichtleseliste von Germanisten stand, hatten wir damals von Kafka noch nie etwas gehört. Während der NS-Zeit waren seine Bücher aus den Bibliotheken entfernt worden.

Die Hälfte der männlichen Studierenden waren damals Kriegsheimkehrer. Hat man untereinander über die persönlichen Kriegserfahrungen gesprochen?

Nein, ich persönlich und meine nächsten Freunde – nie. Rückblickend fällt mir auch auf, dass ich fast nur Kontakt zu Kriegsheimkehrern hatte. Wir waren eine eigene Truppe, ohne uns bewusst abgrenzen zu wollen. Aber über unsere Kriegserlebnisse haben wir untereinander kaum einmal ein Wort verloren. Das wollten wir alles hinter uns lassen. Stattdessen haben wir über Themen gesprochen, die Kriegsheimkehrer damals eben interessierten: Lebensunterhalt, Frauen, Politik, in dieser Reihenfolge. Der schon recht stattlichen Zahl von Kommilitoninnen näherte man sich zunächst etwas scheu. Ich selber hatte ja in den prägenden Mannesjahren von 17 bis 21 überhaupt keinen Kontakt zum weiblichen Geschlecht. Das war einfach ein Verlustposten, der psychologisch aufzuarbeiten war. Das ist dann wohl auch gelungen, aber es war nicht ganz einfach.

Das Jahr 1949 lenkte Ihren Weg dann endgültig in Richtung Universitätskarriere. Und wieder war ein glücklicher Zufall der Ausschlag dafür.

Ja, das kann man so sagen (lacht). Ich war gemeinsam mit dem österreichischen Romanisten Mario Wandruszka in Kriegsgefangenschaft. Er wurde ein wenig vor mir entlassen und gab mir zum Abschied den Rat: „Wenn Sie Anglistik machen wollen, dann müssen Sie den Luick studieren!“ Karl Luick war ein prominenter Wiener Sprachhistoriker und Lehrer von Herbert Koziol. Eine Beratung oder Einführung in das Studium gab es damals nicht, und so nahm ich den Rat wohl zu eifrig an. Meine „Überinformation“ an Lautgeschichte blieb auch Prof. Koziol irgendwann nicht mehr verborgen und er bot mir die Stelle der einzigen wissenschaftlichen Hilfskraft im Haus an, um 502 Schilling im Monat. Mit diesem Hungerleiderlohn bin ich sozusagen in die akademische Laufbahn reingekrochen. Dass bis zu meiner Emeritierung 1993 nicht mehr rauskommen würde, das habe ich damals nicht geahnt.

Was war das für ein Job damals?

Die wissenschaftliche Hilfskraft war keine Assistentenstelle, die war während des Krieges eingespart worden. Ich war Mädchen für alles: Bibliothekar, Sekretär, Heizer und Hausmeister, verantwortlich für Auf- und Absperren der Räume des Seminars, die sich damals noch in einem Mehrparteienwohnhaus in der Heinrichstraße 36 befanden.  Auch ein Kuriosum der Zeit: Anfangs wohnte Prof. Koziol mit seiner Frau und den zwei Kindern in der Bibliothek. Und somit musste ich Frau Koziol immer bitten, die Betten der Buben wegzuräumen, um an den Shakespeare zu kommen (lacht).

Ihre Studienzeit ist mit nichts, was Studierendengenerationen danach erlebt haben, vergleichbar. Was war für Sie in dieser Zeit eigentlich die prägendste Erfahrung?

Ich war gerade ein Jahr als wissenschaftliche Hilfskraft tätig, als zum ersten Mal auch für Österreich US-Fulbright-Stipendien ausgeschrieben wurden. Ohne Zögern bewarb ich mich und wieder war es ein glücklicher Zufall, der mir einen Stipendienplatz verschaffte, der meine weitere Karriere ganz entscheidend beeinflussen würde. Das kam so: Als Dissertationsthema hatte ich „Das Amerikabild Thomas Wolfes 1900–1938“ gewählt. Statt eines billigeren Stipendiums für eine der State Universities erhielt ich den Zuschlag für die Elite-Universität Harvard. Offenbar war Thomas Wolfe ein Harvard Graduate und  die Fulbright-Kommission wollte mir ermöglichen, „vor Ort“ über seine Romane weiterzuforschen. Was ich allerdings nicht tat. Es gab so viel anderes, Interessanteres. Harvard bedeutete für mich buchstäblich eine intellektuelle Wiedergeburt.

Inwiefern?

Ich kam in dieses Land mit einer Vorstellung von Literatur, die völlig inadäquat war. In Europa dominierte damals in der Literaturwissenschaft ein Positivismus, Romane wurden vorwiegend nach den Daten und Fakten interpretiert, die an der Geschichte und den Interessen des Autors abzulesen waren. In Amerika gab man damals im Sinne des New Criticism einer textimmanenten Interpretation den Vorzug. Außerdem machte damals bereits der Strukturalismus Schule. Ohne diese Erfahrung wäre meine Arbeit als Literaturwissenschafter undenkbar gewesen. Amerika prägte mich aber auch persönlich. Bis dahin kannte ich nur existenzielle Not und Anspruchslosigkeit. Und plötzlich war ich in einem Land, wo sozusagen Milch und Honig fließen, materiell und intellektuell.

1955 endete dann quasi die „Ausbildungszeit“ an der Universität Graz mit der Habilitation bei Prof. Koziol mit „Die typischen Erzählsituationen im Roman“. Der Rest ist Literaturgeschichte. Wenn Sie im 99. Lebensjahr nun zurückblicken auf Ihre bewegte Biografie: Was ist das Wichtigste, das Sie heute der jungen Generation mitgeben möchten?

Das ist eine Million-Dollar-Question ... sehr schwierig. Es ist mir vollkommen bewusst, dass meine Welt, aufgrund meiner ganz speziellen Erfahrung, so untypisch schicksalhaft bestimmt war. Daraus eine Lebensmaxime zu rekonstruieren, die man heutigen Generationen weitergeben könnte, fällt mir sehr schwer.
Literaturwissenschaftlich gesehen wäre das relativ leicht: Hier geht es wohl in erster Linie darum, an einem Gedicht, einem Roman oder Drama etwas zu entdecken, das nicht nur historisch, sondern strukturell zu erklären ist. Dabei kommt man dann auch leichter zu neuen Erkenntnissen. Aber menschlich gesehen lässt sich die Frage kaum beantworten. Was für mich am Ende maßgeblich war, das waren Dinge, die sich aufgrund meiner ganz außergewöhnlichen Vorgeschichte ergeben haben. Die gelten für einen jungen Menschen heute nicht. Wie zum Beispiel meine Wahl, damals zur Kriegsmarine zu gehen. Das war wie ein blindes Hendl, das ein Saatkorn aufgepickt hat, das sehr fruchtbar geworden ist. Meine extraordinäre Lebensgeschichte hat mich als Ratgeber „deformiert“, könnte man sagen. Die Welt ist heute eine ganz andere.

Herr Prof. Stanzel, vielen Dank für das Gespräch!


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