Alumni.Porträts

Mag. Dr. Heinrich Kusch

Alumnus des Monats September 2012

Höhlenforscher

„Die Höhlenforschung ist eines der letzten Abenteuer, die wir auf unserer Erde haben. Ich brauche nirgendwo Base jumpen.“

Der Forscher Heinrich Kusch ist immer auf der Suche nach Neuem. Dabei entdeckte er direkt vor der Haustür eine verborgene Welt, die es eigentlich gar nicht geben dürfte und begann dieser auf den Grund zu gehen. Unzählige Forschungsaufenthalte führten ihn davor ins Ausland und fast zwei Jahrzehnte lang lehrte der Höhlenforscher an der Karl-Franzens-Universität Graz. Nun widmet er sich der intensiven Erforschung der unterirdischen Gänge und Stollen in Vorau und Umgebung in der Oststeiermark. Seit über 40 Jahren arbeitet er mit seiner Frau Ingrid, einer Geologin und Speläologin (= Höhlenforscherin), zusammen.

Wie kamen Sie zur Höhlenforschung?

Der Beginn der Leidenschaft ist schon mehr als fünfzig Jahre her. Als Schulbub wollte ich gemeinsam mit einem Freund eine Höhle erforschen, in der Höhle ist uns dann plötzlich das Licht ausgegangen. Wir hatten damals im Jahr 1955 nur eine kleine Taschenlampe bei uns und es war leider eine sehr große Höhle mit über 900 Metern Länge. Obwohl wir extrem lange gebraucht haben bis wir wieder heil rausgekommen sind, war das der initiale Funke. Seitdem erforsche ich leidenschaftlich gerne Naturhöhlen und künstliche unterirdische Anlagen.


Sie waren zu Forschungszwecken über 30 Jahre in Asien unterwegs: Was fasziniert Sie an den asiatischen Höhlen?

In Asien gibt es zigtausend zum Teil gewaltige Karsthöhlen. Das Interessanteste daran ist die noch heute lebendige Beziehung der Menschen zur Höhle. Die Menschen verwenden vielerorts Naturhöhlen und bestehenden künstlichen Anlagen zum Wohnen und nutzen diese seit Jahrtausenden auch für Kulthandlungen. Millionen Menschen suchen jährlich unterirdische Kultstätten auf, um dort mit den Göttern zu kommunizieren. Der Kult lebt und ist Teil der Gesellschaft.


Sie bezeichnen sich als Anthropospeläologe, was versteht man darunter?

Ein Anthropospeläologe untersucht die Beziehung zwischen Menschen und Höhlen. So erforschte ich beispielsweise im indonesischen Bereich die Bestattungsriten der Kopfjägerstämme. Wir haben viele Jahrhunderte alte Höhlenkultplätze in Karsttürmen mitten im tropischen Regenwald aufgesucht und wiederentdecken können, große Hallen voll mit verstaubten Buddha-Figuren und alten Relikten. Man kann es nicht beschreiben. Das muss man gesehen haben, um es zu begreifen!


Wie kamen Sie den unterirdischen Anlagen bei Vorau auf die Spur?

Wir haben für die jahrelange Recherche in der Umgebung von Vorau über 600 Bauernhöfe aufgesucht. Oft wird das Wissen in Form von Sagen und Märchen tradiert und diese beruhen meist auf einem wahren Kern. Die Erzählungen in Vorau beschreiben lange schmale Gänge, die in den Berg hineinführen, es wird von wassererfüllten Kammern gesprochen. Das entspricht alles den Tatsachen, man muss nur den Angaben folgen. Von den Hunderten von Hinweisen, die wir bekommen haben, waren zwei, ich würde nicht sagen falsch, sondern schlichtweg nicht auffindbar!


In welchem Zeitraum entstanden die künstlichen Anlagen?

Das ist eines der großen Rätsel. Aufgrund von Arbeitsspuren kann man unterscheiden aus welcher Zeit die Stollen sind: Je präziser und genauer gearbeitet wurde, desto älter sind die Stollen. Gewisse Gänge können wir bautechnisch in die Megalithzeit datieren, können also ein Alter zwischen 3500 und 6500 Jahre haben. Aber diese aus Trockenmauern errichteten Gänge haben nur bereits alte eingestürzte Felsgänge oder Gangpassagen ersetzt und sind im Nachhinein ergänzt worden. Die Felsgänge waren schon vorher da, jedoch wie weit vorher? 7.000, 10.000, 20.000 Jahre?

Wir wissen es nicht. Wir konnten knapp 400 unterirdische Anlagen in den letzten sieben bis acht Jahren registrieren. Gleichzeitig haben wir fast ebenso viele Menhire (= Lange Steine) und Lochsteine, die bis in die Megalithzeit zurückreichen, erfassen können. Das ist die größte Ansammlung prähistorischer Steinsetzungen in Österreich. Das ist eine archäologische Sensation!


Was führte die Menschen in die Tiefe?

Wir können heute nur annehmen, dass es einen triftigen Grund gegeben hat. Vielleicht war es eine Naturkatastrophe wie die globale Kaltzeit zwischen 5700 und 5200 Jahren vor heute, eine verstärkte Sonneneinstrahlung, ein großer Vulkanausbruch oder vielleicht ein Impakt, der ein Leben auf der Erdoberfläche stark beeinträchtigte. Weltweite Überlieferungen weisen ja auf solche möglichen Ereignisse hin. Wichtig für uns ist es herauszufinden, ob es maschinelle oder manuelle Arbeiten waren. Spezialisten vom Tunnelbau meinen, die Spuren können von Steinfräsen stammen, wobei ich Bauchweh bekomme, weil es das damals noch nicht gegeben hat, oder zumindest nicht gegeben haben sollte.

Niemand hackt sich mit Hammer und Meißel durch Granit, Basalt und Gneis bis zu Härtegrad sieben/acht, wenn er pro Tag je nach Dimension des Gangquerschnittes maximal einen oder zwei Zentimeter vorwärtskommt. In Sandstein oder verwitterten Fels geht es schneller voran, bis einen Meter pro Tag. Jeder Eisenmeißel wäre aber innerhalb weniger Minuten stumpf. Damals hätte es vor Ort ganze Schmiedebetriebe geben müssen, um tausende Meißel ständig neu zu schärfen und zu schmieden. Aber das ist in diesem Raum nirgends schriftlich belegt, weder im Mittelalter noch in der Neuzeit.


Wie finanzierten sich Ihre Forschungen?

Meine Frau und ich haben alles weitgehend selbst finanziert und bis jetzt ein Vermogen hineingesteckt. Auch die Forschung in Vorau ist bis auf wenige Ausnahmen, wo uns das Bundesdenkmalamt, Privatfirmen, die Augustiner-Chorherren und die Bürgermeister der Gemeinden unterstützt haben, eigenfinanziert. Ohne die unentgeltliche Hilfeleistung vieler KollegenInnen aus Wissenschaft und Forschung, Helfer und Grundbesitzer wäre ein so großes Forschungsprojekt nicht möglich gewesen. Dafür möchten wir uns bei allen recht herzlich bedanken. Etwas was man beforscht, was offiziell noch nicht bekannt ist, existiert offiziell auch nicht.


Wie ist Ihre Beziehung zur Uni Graz?

Die Engste, die man sich vorstellen kann, weil ich meine ganzen Forschungen im Sinne der Universität und der wissenschaftlichen Forschung betreibe. Meine Lehrtätigkeit ab 1992 hat fast zwei Jahrzehnte angedauert. Ich musste die Lehre leider zugunsten von Vorau einstellen, weil die Forschungseinsätze und die Nachbearbeitung dermaßen zeitaufwendig sind, dass auch privat kaum mehr Zeit zur Verfügung steht. Ich möchte die Universität jedoch nicht in meinem Leben missen, sie ist ein Bestandteil meines Lebens.


Ihr nächstes Ziel?

Wir beginnen mit den Altersdatierungen der Menhire und versuchen derzeit die verschollene Krypta unterhalb der Thomaskirche zu finden und unter das Stift Vorau hineinzugelangen, weil dort mit großer Wahrscheinlichkeit eine große unterirdische Anlagesein kann. Bodenradaruntersuchungen, zwei Kernbohrungen und fünf Zeitzeugen haben uns diese Annahme bestätigt, da sie selbst die Gänge und Räume gesehen haben. Im Zuge von Umbauarbeiten in der Nachkriegszeit wurden bedauerlicherweise die Zugänge verschlossen.


Was erwartet uns bei der alumni UNI graz Höhlenbegehung am 29. September?

Sie werden selbst erleben, wie die künstlichen Gänge unter der Erde angelegt sind und wie sie unter der Erdoberfläche verlaufen. Es ist eine eigene, fantastische Welt, die sich hier unter den Häusern, Wäldern, Äckern und Wiesen befindet. Das muss man selbst erleben, das kann man nicht in den blumigsten Worten beschreiben. Erleben Sie’s! Vor allem, wenn man einen Menhir angreifen kann und man weiß, der steht seit 5.000 – 7.000 Jahren in der Gegend, ist das etwas anderes, als wenn man es nur auf dem Foto sieht.

Das Interview führte Mag. Renate Buchgraber

Vielen Dank für das Gespräch!


alumni-Veranstaltungs-Tipp: Das Tor zur Unterwelt - Höhlenwanderung in Vorau mit Stiftsführung
Am 29. September 2012. Mit Heinrich und Ingrid Kusch


Heinrich und Ingrid Kusch im Web

Textbildband und DVD:

  • Tore zur Unterwelt: Das Geheimnis der unterirdischen Gänge aus uralter Zeit... Von Heinrich und Ingrid Kusch. Verlag für Sammler/Leopold Stocker Verlag Graz, Textbildband: 208 Seiten, 210 Abbildungen und Karten, ISBN: 978-3-85365-237-4
  • DVD –Filmdoku:100 Minuten, Tore zur Unterwelt, ISBN: 978-3-85365-246-6